Ein Monat auf Erdöl-Diät

Wie ich versuchte, einen Monat lang fast gänzlich ohne Erdöl auszukommen

Es kommt selten vor, dass mich ein Film oder eine Dokumentation inspiriert, etwas an meinem Leben zu ändern. Manchmal ist es einfach Bequemlichkeit oder auch der Alltag, die mich an Veränderung hindern. Doch eine Dokumentation, die ich im November letzten Jahres zum ersten Mal gesehen habe, nahm ich besonders als Anstoß, zumindest erstmal temporär etwas an meinem Konsumverhalten zu ändern. John Webster, ein britischer Dokumentarfilmer, lebte mit seiner Familie ein Jahr lang ohne Erdöl und ohne Produkte, die aus Erdöl hergestellt wurden. In seiner Dokumentation „Kein Öl mehr – Übung für den Ernstfall“ dokumentiert er ein Leben gänzlich ohne Öl. Das klingt erst einmal einfach, denn wer denkt bei Öl schon gleich an Plastik? Das meiste Plastik besteht, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, aus Erdöl. Schaut man sich in seinem Zimmer um findet man viele Gegenstände, die aus Plastik bestehen. Ist ein Leben ohne fossile Brennstoffe überhaupt noch möglich?

Wir alle sind extrem Abhängig von Erdöl.

In einer sehr guten Dokumentation veranschaulicht John Webster mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in einer Kleinstadt Finnlands wie abhängig wir von Erdöl sind. Der Verzicht auf Plastik nimmt durchaus manchmal bizarre Züge an. So artet der Kauf von Toilettenpapier fast zu einem Spießrutenlauf aus.

Zugegeben, Webster’s Familie verzichtet ein Jahr lang auf Öl, da wirkt ein einziger Monat doch eher wie eine Farce. Ganz zu schweigen davon, dass ich nicht einmal eine Familie habe, mit der ich in einem Haushalt wohne, auf die es zu achten gilt. Gleichzeitig bin ich mir natürlich auch bewusst, dass die Produkte, die ich konsumiere, sehr wohl Treibhausgase erzeugt haben. Mag es bei ihrer Erzeugung gewesen sein z.B. durch Dünger oder aber beim Transport. Im Endeffekt muss ja jedes Produkt, soll es sich im Supermarktregal oder an einem Marktstand wiederfinden, erst einmal den Weg auf den Lastwagen finden. Keine Emissionen sind daher kaum möglich, aber eine Reduktion der Treibhausgase.

Wie sieht ein studentischer Alltag ohne Erdöl aus?

Die Regeln für mein kleines Selbstexperiment waren eigentlich relativ simpel:
• Keine Produkte, die aus Nebenprodukten wie Erdöl gefertigt werden (z.B. Plastik).
• Keine privaten, individuellen Fahrten in einem mit Öl betriebenen Gefährt

Herausforderung 1: Nahrungsmittel

Geht man bei dem Discounter durch die Regalreihen, findet man kaum etwas, das nicht in Plastik verpackt ist. Selbst beim Obst und Gemüse findet sich eine vielfältige Auswahl von Plastikbehältnissen und Verpackungen. Auch in anderen, etwas teureren Supermärkten, sieht es kaum anders aus: Plastik, wo man hinschaut. Ich musste daher eine Alternative finden. Natürlich wollte ich auch nicht auf Käse und Brot verzichten. Also ging ich auf den Ökomarkt, um dort einzukaufen. Bewaffnet mit Rucksack brauchte ich auch keine Plastiktüten zum Transport und die Gemüseeinkäufe konnte ich in umweltfreundlichen Papiertüten transportieren. Nächster Halt Käsestand: 400g Käse sind da ganz schön teuer. Auch das noch, dachte ich: Die Verkäuferin wollte mir eine Plastiktüte andrehen. Die Verkäuferin machte mich aber dann darauf aufmerksam, dass die Plastiktüte statt aus Erdöl, aus Maisstärke bestehe. Anfangs überrascht, willigte ich ein. Freute ich mich im ersten Moment über den guten Käse, der wie ich dachte in Papier eingepackt war, entpuppte sich das Packpapier zu Hause als mit Plastik beschichtet.

Bezüglich der Plastitüte stellte ich eigene Recherchen im Internet an, die dann die Auflösung brachten: Es gibt Alternativen zu aus Erdöl produziertem Plastik. Sie bestehen aus Polymilchsäure (PLA), ein Produkt aus der Fermentation von Zucker und Stärke. Ferner gibt es auch andere Plastikprodukte, die aus Lignin bestehen. Dies ist ebenfalls ein Biopolymer aus Zuckermolekülen. Leider gibt es aber nur wenige Firmen, die diese Möglichkeit der Verpackung nutzen. Wenn sie es tun, ist es nicht gut gekennzeichnet, sodass man diese Produkte im Supermarktregal leicht übersehen kann.
Meine Nahrung bestand in diesem Monat aber hauptsächlich aus Nudeln oder ich nutze öfters das Angebot in der Mensa. Mich überraschte zudem eine gewisse Doppelmoral in einem Biomarkt: Dieser bietet Bionudeln an, die alle in Plastik verpackt sind. Die konventionellen Nudeln eines italienischen Pasta-Herstellers sind dagegen vollkommen in Pappe verpackt.

Herausforderung 2: Hygieneprodukte & Putzmittel

Seife, Deo, Zahnpasta und Zahnbürsten braucht der Mensch. Außer man verzichtet auf jegliche sozialen Kontakte und man hat eine Flatrate beim Zahnarzt des Vertrauens. Also, was tun?
Seife: Eine britische Kosmetikartikel-Kette, die so langsam auch in Deutschland Einzug findet, verkauft Stückseife, aber auch festes Shampoo. Dies ist vegan und es ist auch keine Verpackung notwendig. Daher kann man sich die Plastikbehältnisse sparen.
Zahnpflege: Genauso gibt es dort Tabs zum Zähneputzen, die in Papier eingepackt sind. Zahnpastatube gespart!
Deo: Stinken möchte ich ungern. Glücklicherweise gibt es in dem selben Geschäft auch festes Deo.
Hat man diese Dinge, stehen sozialen Kontakten nichts mehr im Weg.
Zugegeben: Für die gute alte Zahnbürste gibt es tatsächlich keine Alternative; zumindest habe ich keine gefunden. Ähnlich sieht es bei Putzmitteln aus. Glücklicherweise reichte mein Putzmittel noch für den Monat aus, aber Essig und Kernseife hätten auch Abhilfe geschafft.
Bei Toilettenpapier war es wirklich schwierig. Selbst ein Hersteller der groß mit seiner Umweltfreundlichkeit wirbt konnte mir, trotz Nachfrage keine Auskunft darüber geben, ob die Verpackung ihrer Produkte aus Erdöl besteht, und verwiesen mich lediglich auf eine Beurteilung des „Ökotest“-Magazins, welches aber nur das Toilettenpapier an sich und nicht die Verpackung mit „sehr gut“ bewerteten.

Herausforderung 3: … und sonst so?

Oft habe ich mich gefragt, was ich getan hätte, wäre zum Beispiel der Akku meines Laptops kaputt gegangen. Dann hätte ich mir wohl einen neuen kaufen müssen, da ich den Laptop nunmal nicht nur für mein Studium dringend benötige. Dies beinhaltet natürlich auch den Ausdruck von Folien. In der Tat, meine Druckerpatronen waren in der Zeit der Öl-Diät leer. Also druckte ich meine Unterlagen im Copyshop aus.
In meiner WG ist der Strom aus 100% erneuerbaren Energien und die Heizung brauchte ich im April auch nicht mehr.
Wenn ich in der Zeit meines Versuchs unterwegs war nutzte ich meistens das Fahrrad oder den öffentlichen Nahverkehr. Letzteres umfasst zwar auch Busse, diese fahren aber mit oder ohne mich.

Resultat

Ein Leben ohne Plastik ist im studentischen Alltag bedingt möglich. Für Zahnbürsten und Toilettenpapier gibt es tatsächlich keinen wirklichen Ersatz. Der Zeitaufwand für diesen Lebensstil ist etwas höher als bei den „normalen“ Einkäufen. Zudem muss ich gestehen, dass ich am Ende meines Experiments doch manchmal schwach geworden bin. Am Ende meines Selbstversuchs ging ich doch in den Supermarkt und kaufte mir eine Tiefkühlpizza, da ich am nächsten Tag eine Klausur schrieb und es schnell gehen musste.

Wenn es schnell gehen muss greifen wir alle gerne zu Produkten, die möglichst billig und bequem sind, da sie auch nicht anders angeboten werden. Doch hat dieser Selbstversuch auch meinen heutigen postexperimentellen Alltag verändert: Viele Dinge können in den Alltag integriert werden, sei es Joghurt nur noch in Gläsern oder alternativ das Produkt, das man kaufen möchte, nicht in allzu viel Verpackungsmaterial eingepackt ist.

Mir persönlich hat dieser Selbstversuch, auch wenn es manchmal nicht so ganz einfach war, Spaß gemacht und einige Erkenntnisse geliefert, die selbst mir als kleinem Öko vorher noch nicht bekannt waren.

(von Timo Gedlich)
Erschienen in der grün:fläche im Sommersemester 2011

 

1 Kommentar

  1. Schade, dass dieser Beitrag nicht kommentiert wurde, herzlichen Dank für den Bericht und eben den Selbstversuch. Eine gute Anregung, doch mit noch offeneren Augen durch seinen „Mini-Ökoallltag“ zu laufen!

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