Sarrazinierung Deutschlands – Die rassistische Mitte in der BRD

„Der kommende Aufstand“ der Autor_innengruppe „Das unsichtbare Komitee“, ist das meist diskutierte Buch in Frankreich seit Jahren. Es beinhaltet neben einer kritischen Auseinandersetzung mit der französischen Gesellschaft und einigen theoretischen Abhandlungen, vor allem konkrete Handlungsmöglichkeiten für das Leben in einer sich befreienden Gesellschaft und auf dem Weg dorthin. Bezug genommen wird dabei vor allem auf die Aufstände in den Banlieues in Frankreich 2005/6. Sie stehen symbolisch als Beispiele für die Brüchigkeit des kapitalistisch-demokratischen Systems und seiner Allmacht im industrialisierten Westen.

Im Gegensatz dazu, steht das aktuelle Bestsellerbuch und seit der Gründung der BRD am meisten verkaufte politische Sachbuch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin. Hatte Sarrazin schon in den letzten Jahren immer wieder mit menschenverachtenden Statements über Sozialhilfebezieher_innen auf sich aufmerksam gemacht („Wenn die Energiekosten so hoch sind wie die Mieten, werden sich die Menschen überlegen, ob sie mit einem dicken Pullover nicht auch bei 15 oder 16 Grad Zimmertemperatur vernünftig leben können“), so ist mit seiner medial aufwendig inszenierten Bucherscheinung eine neue Stufe der Hetze erreicht.

Mit rassistischer, biologistischer Hetze scheint Sarrazin einen Nerv bei vielen Menschen in der BRD getroffen zu haben. Schon vor Sarrazins Buch spielte der antimuslimische Rassismus in der BRD eine sehr große Rolle. Die Forscher_innengruppe um den Soziologen Wilhelm Heitmeyer an der Universität Bielefeld, gibt jährlich eine Studie zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit mit dem Namen „Deutsche Zustände“ heraus. Gerade der antimuslimische Rassismus nimmt seit Jahren rapide zu. Auch eine münsteraner Forscher_innengruppe hat in einer neuen Studie stärkeren antimuslimischen Rassismus in Deutschland als in anderen europäischen Staaten festgestellt (Vergleichsstaaten waren hierbei Frankreich, Dänemark, Niederlande und Portugal). Dies ist insbesondere verwunderlich, wenn man sich die Wahlerfolge von rechtspopulistischen Politiker_innen in den Niederlanden anschaut.

Ein genauerer Blick auf die Thesen Sarrazins zeigt seine historischen Vorbilder und seine heimlichen Verbündete in diesem Diskurs. Im Vorhinein veröffentlichte Sarrazin mit massenmedialer Unterstützung folgende vier Hauptthesen:

  • Deutschland werde aufgrund des Geburtenrückgangs „kleiner und dümmer“, während die „sozialen Belastungen einer ungesteuerten Migration […] politisch korrekt“ totgeschwiegen (würden).
  • Muslimische Migranten seien in den Arbeitsmarkt unterdurchschnittlich integriert und abhängig von Sozialtransfers. Sie kümmerten sich nicht hinreichend um Bildungsbeteiligung, hätten eine hohe Geburtenrate und zeigten eine Tendenz zur Bildung von Parallelgesellschaften. Von Integrationsbeauftragten und Islamforschern, Soziologen, Politologen sowie von naiven Politikern würden diese Probleme totgeschwiegen.
  • Sarrazin kritisiert „niedrige Bildungsstandards“ und tritt deswegen für eine Ganztagsschule und die Wiedereinführung der Schuluniformen ein und spricht Computerspielen (Negativbeispiel World of Warcraft) jegliche Pädagogik ab.
  • Die „islamische Immigration“ sei geprägt durch „fordernde, den Sozialstaat in Anspruch nehmende, kriminelle, andersartige, frauenfeindliche Einstellungen […] mit fließenden Übergängen zum Terrorismus.“>

Vermeintlich belegt werden Sarrazins Thesen durch stumpfen sozialdarwinistischen Biologismus. Vermeidet Sarrazin aus historischen Gründen das Wort „Eugenik“, so nutzt er aber substitutive Begriffe aus diesem Spektrum. So etwa den Begriff der „Dysgenik“, der 1915 erfunden wurde, um „negative Selektionsprozesse“ bei einer menschlichen Population zu beschreiben. Hierin liegt eine deutliche Bezugnahme auf das Programm der Eugenik von Francis Galton, auf den sich Sarrazin auch explizit namentlich bezieht.

Bezieht sich Sarrazin immer wieder auf eine sogenannte kulturelle Identität, wird doch deutlich, dass es weniger um das Kulturelle, sondern um das Biologistische geht. Grundannahme seiner Überlegungen ist eine behauptete Vererbbarkeit von 50-80% der Intelligenz des Menschen. Selbst wenn Intelligenz als etwas Messbares angesehen wird, was von vielen Wissenschaftler_innen weiterhin bestritten wird, so ist es doch unstrittig, dass Intelligenz niemals etwas Absolutes ist. Das intellektuelle Potential von Menschen ist zudem nicht gleichzusetzen mit einem genormten Intelligenzquotienten.
Sarrazins Schluss aus den beeindruckend sinnentleerten Vergleichen der Intelligenzquotienten zwischen behaupteten kulturellen und (behaupteten) religiösen (sprich islamischen) Gruppen, führt dann zu einer besonders perfiden eugenischen Argumentation. In dem Kapitel „Mehr Kinder von den Klugen, bevor es zu spät ist“ argumentiert Sarrazin unverhohlen für eine eugenische Bevölkerungspolitik. Der Applaus von „pro Köln“ bis NPD ist Sarrazin sicher, auch wenn er sich öffentlich von diesen missverstanden fühlt. Eine Öffnung der Gesellschaft für solche Argumentationen ist in jedem Fall erreicht.

Wenn Frank Schirrmacher Sarrazin in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ, 01.09.2011) als „Ghostwriter einer verängstigten Gesellschaft“ beschreibt, wird klar, dass die Schlüsse Sarrazins selbst in seiner angedeuteten Form vollkommen ausreichend sind, um den tiefsitzenden antimuslimischen Rassismus in der Gesellschaft zu aktivieren und zu verstärken.

Aktuelle Untersuchungen kurz vor und während der Diskussion über das Buch zeigen, dass die Gesellschaft auf diese Diskussion genau in der von Sarrazin intendierten Art und Weise reagiert. Die öffentliche Diskussion, verstärkt auch durch den Widerspruch der sich oftmals in der Argumentationsweise kaum von Sarrazin abgegrenzt hat, führt zu einer sich immer weiter spaltenden Gesellschaft, die ihre Ressentiments nicht nur auf Migrant_innen, sondern auch auf Hartz IV-Empfänger_innen ausweitet.

Die diffuse Abstiegsangst der Mittelschicht, die zu solchen Ressentiments geführt hat, führt zur Suche nach Sündenböcken in der sogenannten Unterschicht. Das sprichwörtliche „Ende der Geschichte“, dass sich nach dem Ende des Wettkampfes der Systeme Anfang der 90er Jahre entwickelte, hat die Gesellschaft in eine scheinbar ausweglose Situation gebracht. War in den 60-80er Jahren ein, wie auch immer gearteter, Sozialismus noch eine realistische Alternative, muss sich jede_r Einzelne nun damit zufrieden geben innerhalb des Systems das möglichst Beste zu erreichen. Innerhalb des kapitalistischen Systems funktioniert dies natürlich nur auf dem Rücken der vermeintlich Schwächeren.

Eine Überwindung der rassistischen Denkweise großer Teile der Bevölkerung ist somit nur durch die Überwindung der gegenwärtigen Form der Vergesellschaftung denkbar, weil sie integraler Bestandteil eben dieser ist. Rassismus, Klassismus und Sexismus sind im Sinne der Triple-Oppression-Theory ähnlich strukturierte Unterdrückungsmechanismen der gegenwärtigen Gesellschaft, die auch aufeinander aufbauen. Die intersektionalen Wissenschaften bauen auch auf dieser Erkenntnis auf.

Die französische Antwort auf die gegenwärtige Krise des Kapitalismus ist nicht stumpfer biologischer Rassismus à la Sarrazin, sondern schonungslose Abrechnung mit der gegenwärtigen Gesellschaft. Auch wenn dieser Aufruf zur Revolte nicht unbedingt durchweg von einem emanzipatorischen Geist getragen ist, sondern auch reaktionäre Muster bedient, ist die grundsätzliche Stoßrichtung doch eine völlig andere.

(von Fabian Kaske)
Erschienen in der grün:fläche im Sommersemester 2011

1 Kommentar

  1. Der emanzipatorische Geist der Franzosen kulminiert zur Zeit besonders gut in Sarkozy und Le Pen. Das haben Sie sehr gut erkannt.

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